Fluechtlingsbetreuung/Containertagebuch

      Seit zwei Wochen hab ich im Rahmen der Flüchtlingsversorgung einen neuen Job.

      In einer Schule von "Alraune" in Hamburg-Dulsberg werden Vorbereitungskurse für die BAMF-Integrationskurse abgehalten, vor allem Deutschkurse. Die meisten Teilnehmer sind Eritreer, die in den nebenan auf dem Schulhof gestellten Containern wohnen. Mir wurde von einer dort tätigen ehemaligen Bieberhaus-Mitarbeiterin gesagt, dass die meist jungen Leute zwar AOK-Versicherungskarten hätten, aber nichts damit anzufangen wüssten. So langsam fange ich auch an zu verstehen warum.

      Meine zweistündige Sprechstunde findet montags in einem Unterrichtsraum statt, in den man eine Untersuchungsliege gestellt hat. Die übrigen Utensilien - Stethoskop, Blutdruck- und Zuckermessgerät, Urinteststreifen und Protokollbuch - bringe ich im Rucksack mit. Die Patienten, fast nur junge Männer, warten vor dem mit Stellwänden von der Aula abgetrennten "Sprechzimmer". Mit dabei sind zweitweise eine Mitarbeiterin der Einrichtung und, unerlässlich, eine Dolmetscherin. Denn wenn ich inzwischen auf Arabisch und Farsi/Dari (Afghanen) die Leute wenigstens begrüßen kann und sagen, wer ich bin, und noch ein paar nützliche Sachen,



      verstehe ich von der in Eritrea gesprochenen Sprache Tigrinya bisher absolut garnichts.

      Ein Patient hat zum Beispiel seit vielen Jahren Atembeschwerden. Auf der Lunge höre ich nichts, dafür hat er Narben am ganzen Körper, die zum Teil Zigarettenbrandnarben ähneln, wie ich sie bei von der türkischen Sonderpolizei gefolterten Kurden kenne, oder Striemen wie von Peitschennarben, die ich gelegentlich bei Taliban-Opfern gesehen habe.
      "Nein," sagt die Dolmetscherin, "er ist nicht gefoltert worden, das waren traditionelle Heiler in der Heimat, die ihm so die Krankheit austreiben wollten."

      Ich untersuche die Leute und gebe ihnen Empfehlungen für Haus- oder Facharzt. Da sie ohne Dolmetscherin dort nichts ausrichten können und eine Sammelsprechstunde bei einem Hausarzt, der die Patienten noch gar nicht kennt, schwer zu organisieren ist, werden einige demnächst in Begleitung eine Rundreise durch Hamburg nach Norderstedt antreten - die Linie U1 gleicht einem U (deshalb heisst sie U-Bahn), und Dulsberg liegt fast am rechten Zipfel und Norderstedt am rechten. Dann gibt's eine Eritreer-Sprechstunde in meiner ehemaligen Praxis, in der ich als angestellter Teilzeitrentner noch gelegentlich tätig bin.
      :reg:
      :wechsel:
      Entspanne dich. Lass das Steuer los. Trudle durch die Welt. Sie ist so schön.
      - Kurt Tucholsky -
      Über die Schwierigkeiten mit der Verständigung wegen der
      Unmenge von Sprachen bei den Menschen haben sich die
      alten Babylonier schon Gedanken gemacht. Niedergeschrieben
      ist es im alten Testament. Dort stiftet Gott eine "Sprachverwirrung"
      um die Menschen daran zu hintern ein "gottgleiches" Bauwerk
      zu erschaffen...den Turm zu Babel. Einige Wissenschaftler vermuten nach
      diesen Erzählungen, daß es einst ein gemeinsame Einheitssprache gegeben
      haben muß. Auch wenn das stark umstritten ist, bei den "alten" Geschichten
      ist meist ein wahrer Kern vorhanden. Den Turm zu Babel gab es wirklich.
      Quelle: wikipedia
      Der Turm hatte eine Grundfläche von 91,48 m × 91,66 m und eine Höhe von etwa 91 m, wahrscheinlich abgestuft in sieben, nach dem Geschichtsschreiber Herodot[4] in acht Plateaus. Den Abschluss bildete ein Tempel, dessen Räume nur von Priesterinnen betreten werden durften. Wahrscheinlich nutzten Priester das Dach des Gebäudes, um dort astronomische Beobachtungen durchzuführen. Als Baumaterial verwendeten die Babylonier Backsteine, die Außenziegel waren mit farbiger Glasur verziert. Strabon beschreibt den Bau als vierseitige Pyramide mit einem Stadion Seitenlänge und einer Höhe von einem Stadion.


      Quelle: wikipedia
      Schon in alttestamentlicher Zeit versuchte man, die (später so genannte) „Adamitische Sprache“
      zu rekonstruieren, die vor der Sprachverwirrung gesprochen worden sein soll. In der heutigen
      Sprachforschung ist es allerdings stark umstritten, ob es je eine gemeinsame Ursprache, die so genannte
      Proto-Welt-Sprache, gegeben hat oder nicht.

      de.wikipedia.org/wiki/Turmbau_zu_Babel

      Welch riesiger Vorteil wäre es, wenn diese alte Sprache sich weiter erhalten hätte. Sozusagen das
      Esperanto der Ur-Zeit.
      Wenn am Abend noch das Feuer brennt hat der Schmied den Feierabend verpennt.

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      Jetzt hab ich auch ein paar Bilder von meinem neuen Wirkungsort. "Alraune" ist ein Hamburger Bildungsträger, der bisher hauptsächlich Ausbildungsgänge in der Schulgastronomie organisiert und jetzt ein neues Standbein hat, nämlich Integrationskurse für Geflüchtete. Im Schulhof fanden ausserdem eine Anzahl von Wohncontainern Platz.



      Am Rand der Aula gibt es einen neuen Unterrichtsraum,



      der mir Montag mittags als Sprechzimmer dient.

      :reg:
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      - Kurt Tucholsky -
      Die "Integrationskurse" tun wirklich Not.
      Denn ohne fachkundige Anleitung ist eine fremde
      Sprache schwer zu erlernen. Zumal ein Teil der
      Migranten auch noch funktionale Analphabeten sind.
      Ein anderer Teil hat zwar eine gute Ausbildung aber
      für den Beruf ungenügende Deutschkentnisse.
      Jede Gruppe braucht also einen speziell abgestimmten
      Inhalt im "Integrationskurs".
      Damit geht die große Kraftanstrengung der deutschen
      Gesellschaft für die Integration los. Hoffe mal es ist
      kein "Strohfeuer".
      Wenn am Abend noch das Feuer brennt hat der Schmied den Feierabend verpennt.

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      Heute ist mir wieder vor Augen geführt worden
      wie wichtig ein Integrationskurs für Migranten
      für das alltägliche Leben (und Überleben) in
      Deutschland ist. Ich war mit dem Auto in der Stadt
      unterwegs und mußte mit Erschrecken feststellen :
      Die Bedeutung eines "Fußgängerüberweges" (Zebra-
      streifen) ist nicht allen bekannt. :kopfkratz:
      Wenn am Abend noch das Feuer brennt hat der Schmied den Feierabend verpennt.

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      Wahrscheinlich hast Du Recht, aber das gilt auch für manche Biodeutsche.
      Als ich 1980 in Tansania war, gab's Zebrastreifen nach meiner erinnerung nur in der damaligen Hauptstadt, woanders waren die Straßen meistens gar nicht geteert, so dass man keine Zebrastreifen hätte anbringen können.
      :reg:
      :wechsel:
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      - Kurt Tucholsky -
      Es sind die kleinen Widrigkeiten, die es den Geflüchteten und ihren Helfer/innen es so schwer machen.
      So hatte ich gestern einen Patienten dem einfach nach einer Erkältung wochenlang weiter der Hals weh tat. Der Rachen nicht gerötet, die Mandeln unauffällig bzw. nahezu nicht mehr vorhanden und die Lungen sauber. Ich rate ihm, mit heissem Kamillentee in einer Schüssel und Handtuch überm Kopf zu inhalieren.
      Das geht nicht, sagt er.
      Ich stelle mir ein vollgestopftes Mehrbettzimmer vor.
      - Wieviele seid Ihr auf dem Zimmer ?
      Früher waren wir sechzehn, jetzt noch acht.
      Und wir dürfen kein heisses Wasser mit aufs Zimmer nehmen.
      - Wo dürft Ihr überhaupt mit heissem Wasser hantieren ?
      - Auf der Toilette.
      Und eine Küche gibt's nicht, nur eine Cafeteria, in der zu festen Zeiten das Essen vorgesetzt wird.
      Zum Glück hat die Dolmetscherin die rettende Idee.
      - Du inhalierst bei uns in der Schule. Morgens wenn Du kommst, und nochmal wenn Du gehst.

      Manchmal liest man in der Zeitung von Schlägereien in Flüchtlingsunterkünften. Dazu fällt mir ein "Spiegel"-Artikel ein:
      :
      So deprimierend hatte sich Werner Morisse, 39, seinen neuen Job nicht vorgestellt. Nahezu täglich, berichtet der Bremer Psychologe, werde er in seinen Beratungsstunden mit "wahren Dramen" konfrontiert. "Weinende Frauen, randalierende Männer, brüllende Kinder", beschreibt der Therapeut seine Klientel. Morisse: "Eine menschliche Katastrophe." ( ... )
      Vor allem abends, "wenn mit der Dunkelheit auch die Depressionen kommen", berichtet Almuth Stoess vom Arbeitersamariterbund (ASB) Bremen-Nord, seien die "Konflikte derart eskaliert", daß zeitweilig "jede Nacht die Polizei" anrücken mußte.
      Weitere Ausschreitungen soll nun der Morisse-Einsatz verhindern. Bei der "miserablen seelischen Verfassung" der Kasernenbewohner, berichtet die ASB-Chefin und Lagerbetreuerin Stoess, sei "psychologische Erste Hilfe nötig" - und das nicht nur in Bremen.
      Bundesweit löst ein drastischer Anstieg von Aggressionen und Frustrationen in den Aufnahmelagern bei Betreuern Sorge um die Seelenlage ihrer Klientel aus. In saarländischen Notquartieren hat der Landeschef des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), Albert Schwarz, schon erste Anfälle von "Lagerkoller" beobachtet. In Hamburg meldet die DRK-Betreuerin Wiebke Meyer-Kolumbe zahlreiche "psychische Zusammenbrüche". Immer mehr Bewohner von Notlagern, so die Sozialarbeiterin, "klappen uns einfach weg". ( ... )
      "Wir müssen die Menschen stapeln", beschreibt der Dortmunder Sozialdezernent Manfred Schelle das Gedränge in den Quartieren der Revierstadt. Und auch ein Essener Kollege räumt ein, daß die Zustände in den Notlagern längst unzumutbar sind: "Das verstößt gegen die Menschenwürde."
      Der Psycho-Druck hat zu einer erheblichen Zunahme von Zwischenfällen geführt. "Ohne Ausraster", beschreibt ein Helfer die Lagersituation, "vergeht kein Tag mehr."


      Szenen aus einer Erstaufnahmeunterkunft für Syrer/Afghanen/Eritreer 2015 ?
      Nein.
      Februar 1990, Notlager für unsere übergesiedelten Landsleute aus der DDR.
      ganzer Text: spiegel.de/spiegel/print/d-13507375.html

      Die in Hamburg aufgenommenen Flüchtlinge sind mit einer Versicherungskarte der AOK Bremen ausgestattet, die diesen Service bundesweit anbietet. Nicht alle Länder machen davon Gebrauch. In Güstrow/Mecklenburg müssen sich die Betroffenen erst von einem Amtsarzt begutachten lassen, ob sie überhaupt krank genug sind um zum Arzt zu dürfen, dann kriegen sie einen Krankenschein und können sich auf die Suche nach einem Arzttermin machen. Zur Umgehung dieser menschenunwürdigen Prozedur bieten ehrenamtlich tätige Ärzte Sprechstunden im alternativen Zentrum "Villa Kunterbündnis" an, mitunter behindert von ortsbekannten Nazis, die vor der Tür stehen und Gesichtskontrolle machen, was die Polizei zulässt. Herumstehen ist ja nicht strafbar.

      Mein aktueller Patient, der wegen einer Zahnvereiterung dringend zum Zahnarzt muss (Jochbein schon auf geringen Druck schmerzhaft), ist krankenversichert. Leider hat ihm die Arbeitsagentur seine AOK-Karte gerade abgenommen, weil sie ihn, warum auch immer, bei der AOK Hamburg versichern will. Wo er aber noch nicht versichert ist.
      Ich rufe bei der AOK Bremen an - die Nummer habe ich seit langem abgespeichert, weil ich immer wieder auf Versicherungsprobleme Geflüchteter stoße, und normalerweise klappt die Kommunikation auch gut.
      - Ja, der Mann ist noch bei uns krankenversichert.
      Ob sie eine Versicherungsbescheinigung an die Zahnärztin faxen könnten, bei der ich für morgen einen Termin ausgemacht habe ?
      - Nein, nach Hamburg dürfen wir solche Bescheinigungen nicht mehr faxen.
      ???
      Aber die Praxis ist in Norderstedt, das ist in Schleswig-Holstein.
      - Einen Moment bitte ... Ja, das geht. Wie ist die Nummer ?
      Nullviernull ...
      - Aber das ist Hamburg, das dürfen wir nicht.
      Bitteschön, Norderstedt liegt zwar in Schleswig-Holstein, hat aber Hamburger Vorwahl. Ganz Norderstedt.
      Der Mann am andern Ende denkt nach.
      - Wie heisst denn die Zahnärztin ?
      Pause, er googelt sie wohl gerade und überzeugt sich, dass sie tatsächlich in Schleswig-Holstein praktiziert.
      - Gut, wir faxen die Bescheinigung im Laufe des Tages.
      UFF !
      Wenigstens war der Mensch kooperativ und hat sich erfolgreich um eine Lösung bemüht. Danke !
      :reg:
      :wechsel:
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      - Kurt Tucholsky -
      25.9.2016

      Der mittlere der drei unten abgebildeten Herren ist unser Bundesinnenminister Thomas de Maiziere auf seinem Kabul-Trip im Februar. Damit ihm nix passiert, wurde er mit Helm und Schutzweste ausgestattet. Andererseits ist sein Fortkommen damit beschwerlich, deshalb sammelt ihn seine fürsorgliche Hubschrauberbesatzung schnell wieder ein. Während er von einem sicheren Rückkehrland Afghanistan schwafelte, ging wenige Kilometer entfernt eine Bombe hoch, mehr als zwanzig Menschen starben.



      Bekanntermaßen haben wir ihn inzwischen heil wieder. Die Durchschnittsafghanin samt Kindern, die dieser Ministerunmensch demnächst auch nach Kabul deportieren lassen will, weil es dort ja ach so sicher ist, hat diesen Komfort nicht. Aus diesem Grund haben heute in Hamburg über 1600 Menschen gegen Abschiebungen nach Afghanistan demonstriert, darunter ich.





      Mittlerweile werden die Menschen in den meisten afghanischen Provinzen nicht nur von den Taliban terrorisiert, sondern zum Teil auch vom IS. Und wo es heute "sicher" ist, wird womöglich morgen schon geschossen.



      Derweil werden hier immer mehr Asylanträge von Afghanen abgelehnt, im Gegensatz zu z.B. Syrern bekommen sie meistens keine Deutschlurse. Diese Ungleichbehandlung verschärt natürlich auch die Spannungen zwischen den einzelnen Flüchtlingsgruppen in den Camps.



      Die Rückkehr nach Afghanistan hat AUSSCHLIESSLICH freiwillig zu erfolgen, und das ohne jeden Zwang. Bleiberecht für alle Geflüchteten aus Afghanistan, einschliesslich Familiennachzug ! Deutschkurse für alle !

      Mehr zur Demo: ndr.de/nachrichten/hamburg/160…gen,fluechtlinge6464.html
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      - Kurt Tucholsky -
      27.9.2016

      Ein Kollege hat mir für Griechenland eine Untersuchungsliege angeboten, sie stünde jetzt in der Erstaufnahme Neuland 2 in Harburg. Egal, ob die jetzt im neuen DocMobile oder sonstwo zum Einsatz kommt, irgendwie muss die da hin. Anfang Oktober startet ein neuer Hilfstransort nach Griechenland zur Unterstützung der Helfern in den Lagern, in denen Tausende Geflüchteter unter erbärmlichsten Bedingungen auf ihre Weiterreise warten und versorgt werden müssen. Bei Hanseatic Help werden alle Hilfsgüter solang untergestellt.

      Keine Ahnung, wie groß das gute Stück ist, und ob es in meinen Renault Kangoo reinpasst. Ich wühle mich, was ich selten mache, durch den Hamburger Stadtverkehr bis Harburg, bis ich in der Nähe des dortigen Bahnhofs unter der anheimelnden Adresse Schlachthofstraße 3 vor dem geschlossenen Rolltor des dortigen Erstaufnahmelagers stehe. Da kommt auch schon ein Wachmann und - oh Wunder - öffnet das Tor, ich hatte mich am Vortag angemeldet und mein Auto beschrieben.

      Überall wuseln Kinder herum, Stimmengewirr hinter den Stellwänden, wo sich das rudimentäre Privatleben der Geflüchteten abspielt. Ich werde zum Arztzimmer gebracht, eine freundliche Sozialarbeiterin kommt, mit Hilfe eines Wachmanns tragen wir die Liege zum Auto. Jetzt wird's spannend.

      Rückbank und Beifahrersitz kippe ich nach vorn, dann schieben wir das gute Stück hochkant von hinten nach vorn bis es nicht mehr geht. Hinten und an der Beifahrertür schaut ein Stück heraus, aber, oh Wunder, beide Türen lassen sich mit etwas Nachdruck schliessen.





      Der Blick durch den Rückspiegel ist etwas verstellt, der rechte Aussenspiegel grad noch einsehbar, das muss gehen. Ein Blick in den guten alten Falck-Plan, so etwas Neumodisches wie ein Navi hab ich in meinem 14 Jahre alten Vehikel nicht, könnte es auch nicht bedienen. Bisher ging's mit Stadtplan und einer guten Beifahrerin, die fehlt heute, fände auch keinen Platz.
      Hinter den Elbbrücken links weg, aufpassen dass ich nicht ins Freihafen-Labyrinth gerate, irgendwann fängt das Straßenbild an so auszusehen, wie ich es von meinen vielen Spaziergängen und Bus/Bahnfahrten kenne. Und dann kommt auch schon die Hochbahn, die Landungsbrücken, der Fischmarkt und schliesslich Hanseatic Help.
      Mit einer Helferin trage ich das gute Stück zur Griechenland-Ecke, sicherheitshalber wird es beschriftet, damit es zugeordnet werden kann, und dann bleibt mir nur noch übrig, für Anfang Oktober Kali taxidi zu wünschen und mich durch den Stadtverkehr Richtung Norderstedt zu quälen.

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      - Kurt Tucholsky -
      29.9.2016: Es geht voran !

      Heute Abend ist im 2. Stock der Adenauerallee 10, gegenüber vom ZOB und damit in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofes, das neue Paritätische Kompetenzzentrum Migration (KomMig) eröffnet worden.
      Die Kolleg_innen unserer aktuell laufenden Projekte
      + Fachberatung und Qualifizierung für Migrantenselbstorganisationen
      + Menschen stärken Menschen – Patenschaften in der
      Hansestadt und
      + Qualifizierung und Beratung Freiwilliger in der Arbeit mit Geflüchteten
      haben ihre neuen Büros gerade bezogen. Darüber hinaus hat am 1. September 2016 das Projekt House of Resources Hamburg (HoR HH) begonnen. Hier empowern wir Organisationen aus migrantischen Communities durch juristische und allgemeine Beratung sowie Coaching, vergeben unbürokratisch Projektgelder und stellen für Migrant_innenorganisationen kostenlos Arbeitsplätze und Veranstaltungsräume zur Verfügung. Bin e.V., Integrationspunkt Hamburg gemeinnützige UG, die Initiative Helfer_innengruppe Hamburg Hauptbahnhof (Helfergruppe Hamburg Hauptbahnhof und Bieberhaus) und das Sprecherteam des BHFI - Bündnis Hamburger Flüchtlingsinitiativen sind als erste Organisationen bereits in ihre Büros eingezogen.

      Soviel aus der Einladung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Die Büroetage war brechend voll, einen Blick in unsere Medizinräume konnte ich auch werfen, es sieht leider noch wie eine Rumpelkammer aus. Einen Rollstuhl, ein paar Gehhilfen und das "Wagerl" meines verstorbenen Vaters hab ich am nächsten Tag zu Hanseatic Help gebracht, von wo nächsten Donnerstag ein LKW nach Griechenland zur Unterstützung der dort Gestrandeten startet.

      Eine Arztsprechstunde lässt sich derzeit hier noch nicht organisieren, zumal das geplante therapeutische Zentrum für Geflüchtete durche den Verein Segemi noch nicht steht. Also bleibt mir, weiter meine montägliche Alraune-Sprechstunde abzuhalten und mich an den Aktiviäten meiner alten Bieberhaus-Freund/inn/en zu beteiligen, d.h. das nächste Mal am Samstag den 8.10 ab 12 Uhr bei Hanseatic Help, Große Elbstr. 264, Hosen und ähnliches für den Weitertransport zu sortieren.

      Und zwischendrin, vom 10. bis 13. November, fahr ich zum Papst.
      Ja, Ihr habt richtig gehört: Ernst Soldan, der nicht so fromme Sohn eines evangelischen Pfarrers, fährt in den Vatikan. Das hat jetzt nicht unmittelbar etwas mit Flüchtlingen zu tun, aber ohne meine Arbeit mit Geflüchteten wär das nicht zustande gekommen:
      Anfang Juni hatte unsere Bieberhausgruppe einen Stand auf dem Stadtteilfest St. Georg. da sprach mich eine Mitarbeiterin vom Nachbarstand, der Caritas an (bei der letzten Herbst/Winter ebenso wie in der benachbarten Al-Nour-Moschee jede Nacht Transitflüchtlinge übernachteten) .
      Ob ich auch mal was mit Obdachlosen machen würde - warum nicht.
      Ob ich etwas gegen den Papst hätte - nein, der aktuelle wär, v.a. mit seinen Vorgängern verglichen, ja schon ein Lichtblick.
      Und sie erzählte mir vom Projekt fratello.
      Der Papst hat zum o.g. Termin 6000 "Menschen vom Rande der Gesellschaft" nach Rom eingeladen, davon ca. 60 aus Hamburg und Umgebung. Und dafür suchten sie jetzt Begleiter. So wurde ich Mitglied des Medizin-Teams, denn ganz gesund sind viele dieser Menschen ja nicht.
      Beim ersten Vorbereitungstreffen, sagte der "Reiseleiter", ein Jesuitenpater:
      "Ihr müsst nicht katholisch sein, und auch nicht unbedingt fromm. Aber Ihr müsst eine gesunde Neugier mitbringen".
      OK, die ist da.
      :reg:
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      - Kurt Tucholsky -
      Diese Aktion hat mich neugierig gemacht. :lesen_anim:
      Und sie paßt ziemlich gut zu dem Vermächtnis von
      Franz von Assisi und lebt in den von ihm gegründeten
      Franziskanerorden weiter.
      Wir hatten ja gestern (evangelisch) und heute (katholisch)
      einen Gedenktag für den Heiligen Franz von Assisi.
      Alles weitere zu Wirken und seinen Glaubensideen hier
      heiligenlexikon.de/BiographienF/Franziskus_von_Assisi.htm
      Wenn am Abend noch das Feuer brennt hat der Schmied den Feierabend verpennt.
      8.10.2016
      Jetzt zum dritten Mal hat sich unsere Bieberhaus-Gruppe zum Subbotnik bei Hanseatic Help eingefunden, in der Großen Elbstraße 264 - Bus 112 von Altona, Haltestelle Elbberg, dann die Serpentinen und schliesslich die Treppe runter. Für Autofahrer/Anlieferer: An den St. Pauli-Fischmarkthallen die Elbe entlang, wenn's den Berg hochgeht dem NICHT folgen sondern unten bleiben. Irgendwann kommt man links auf ein Wandbild zu, dann ist rechts der Eingang.


      Der LKW, an dessen Ladeinhalt ich beteiligt war, ist inzwischen heil in Griechenland angekommen.

      Nach der Begrüßung kriegt jeder sein Tesakrepp-Namensschlid, und ich schnappe mir die erste Pappkiste mit unsortierten Männerklamotten - seit unserem letzten Besuch ist der Stapel ordentlich gewachsen.



      Zwischendrin finden sich exotische Spenden wie diese Taucher- bzw. Schneebrille,

      die vielleicht einem Scout guttut, der im Schneesturm den Weg für seine Gruppe durch den Stacheldrahtverhau an irgendeiner Grenze sucht und ihn mit Hilfe dieser Brille sogar findet. Was wiederum Herrn Seehofer nicht passen würde, aber das ist mir wurscht.

      Das Kistenregal ist mir inzwischen vertraut,

      in das die aus den Pappkarton heraussortierten Kleidungsstücke nach Art und Größe hineingestapelt werden.

      Ist der Karton voll, wird er geleert und die Sachen abgezählt in einen Pappkarton gepackt. Dabei kann man sich leicht verzählen, dann muss alles nochmal raus und nachgezählt werden, und geschlossen werden darf er erst, wenn er richtig voll ist. Bei einer Ladung "Hemden Langarm Größe L" dauerte das ewig, weil Karton zu groß und Hemden relativ wenig Platz einnehmend. Und wenn der Karton nicht richtig voll ist, knautscht er zusammen und geht womöglich kaputt.

      In diese Kiste kommt erstmal nix mehr rein,

      da entsprechender Karton in Arbeit.


      Zipper sind Pullover mit Reissverschluss, Hoodies Kapuzenpullover - muss man als textil Ungebildeter alles erstmal lernen. Der Karton mit Pullovern XXL verspricht schneller voll zu werden als die Hemden. Aber selbst das dauert - denn in den Karton passt mehr rein als in die Kiste, und in den Neuspendenkartons sind erstmal alle Größen, nur nicht XXL ...
      Aber irgendwann ist auch dieser Karton voll und kann mit Klebeband verschlossen werden.

      Die meistens der zahlreichen Jeans sind sauber und heil, und wenn sie Löcher haben,
      ist das modisch gewollt (muss man auch erstmal wissen).

      Allerdings gibt es auch für kaputte Jeans noch Verwendung.


      Beim Projekt Bridge and Tunnel nähen auf diese Weise in Arbeit gebrachte Flüchtlingsfrauen aus Jeansresten hochwertige Taschen, Rücksäcke und ähnliches zusammen.
      Also, wenn Ihr noch kaputte Jeans daheim habt, bringt sie zu Hanseatic Help oder zu jemanden, den Ihr kennt und der demnächst dort wieder hinfährt.
      :reg:
      :wechsel:
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      - Kurt Tucholsky -
      Vor ein paar Jahren hat mir ein Verwandter von seiner
      Arbeit erzählt. Er fährt LKW im internationalen Fernverkehr.
      Die Strecken Italien-Spanien-Großbritannien. Schon vor
      der akuten Phase der "Flüchtlingskrise" (Dem Lager vorm
      Eurotunnel in Calais) war dort eine echte Problemstelle.
      Vorwiegend Migranten aus Afrika haben dort heimlich
      (ohne Wissen des Fahrers) die versiegelten Planen geöffnet
      und sich unter der Ladung versteckt, um unerkannt durch den
      Tunnel (Zugverladung der LKW) nach Großbritannien zu gelangen.
      Wer einmal britischen Boden erreicht hat darf bleiben.
      Doch die Sache hat einen Haken.
      Die "vermeintlichen Schlepper" werden für ein Jahr für die
      Lebenshaltungskosten der von ihnen eingeschleusten Flüchtlinge
      haftbar gemacht. Regelmäßig kam es zu Gerichtsverfahren dahingehend.
      Und schließlich weigerten sich die Fahrer der Spedition die Tour zu
      fahren. Die Firma war der Meinung:"Die verhängten Geldstrafen
      sind nicht unser Bier." Mittlerweile tauchen in Deutschland ähnliche Denkmuster auf.
      Diesmal sind es es sogar Menschen die helfen wollen und sich auf die Zusagen
      staatlicher Stellen der Politik verlassen haben. Für manche ist es halt nur unangenehm,
      für andere existenzbedrohend. Aber ein klares Signal geht von unserer Regierung aus:
      Flüchtlingshilfe (Unterstützung des Familiennachzuges) lohnt sich nicht
      focus.de/finanzen/news/buergsc…elle-ruin_id_6057936.html
      Wenn am Abend noch das Feuer brennt hat der Schmied den Feierabend verpennt.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „COOLmann“ ()

      Familiennachzug lohnt sich - es ist angewandte Terrorprophylaxe, wirksamer als alle Polizei- und Geheimdienstoperationen ! Denn dann gibt es weniger alleinstehende junge Männer, die für religiöses Sektierertum wie Salafismus und in der Folge Dschihadismus bis hin zum IS-Terror die anfälligste Gruppe darstellen - auch wenn eine Familie vor Ort natürlich kein Allheilmittel ist, aber die meisten Terrorverdächtigen in Deutschen waren bisher alleinstehende Männer, der selbst- oder fremderhängte Syrer aus Leipzig ist da keine Ausnahme.
      Nur Dumpfbacken wie de Maiziere und Seehofer schnallen das nicht :haarerauf:
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      Entspanne dich. Lass das Steuer los. Trudle durch die Welt. Sie ist so schön.
      - Kurt Tucholsky -
      15.10.16: Hanseatic Help hat Geburtstag

      Ein Jahr gibt es diese segensreiche Einrichtung jetzt, in den jetzigen Räumen noch nicht ganz so lang, und langsam trudelt eine größere Mene Leute ein, etwa zu Hälfte mit deutscher, zur anderen mit arabischer oder Farsi/Dari-Muttersprache (und einigen anderen). Für Kuchen und für herzhafte Leckereien, letztere von der orientalischen Küche inspiriert, ist gesorgt, hungrig geht niemand heim.

      Interessant sind die Vorträge über die Arbeitsweise von Hanseatic Help.
      Während Altkleidersammlungen z.B. des Roten Kreuzes oft ballenweise verkauft oder im günstigsten Fall unsortiert in einen LKW verpackt und in irgendeinem Krisenland ausgekippt werden, wo dann vor Ort entschieden wird, was noch brauchbar ist und was nicht (vieles eher nicht), wird bei Hanseatic Help penibel vorsortiert - auf den Kisten steht genau drauf, was in welcher Größe und Stückzahl drin ist.


      Damit man die jeweiligen Kisten vor der LKW-Verladung wieder findet, gibt's Deckenmarkierungen.

      Eine uralte Latrinenparole wird in den Vorträgen zum wiederholten Mal widerlegt, nämlich, dass das, was jetzt den Flüchtlingen gegeben wird, bei der Versorgung der einheimischen Bedürftigen, z.B. der Obdachlosen, nachher fehlt. Diese Hetzer, die ansonsten zur Versorgung ihrer unter die Räder gekommenen Landsleute keinen Finger krumm machen, sollten lieber hier mal mithelfen (vorausgesetzt, sie lassen ihre Nazisprüche daheim und halten während des Einsatzes ihren Alkoholpegel im Rahmen), dann würden sie merken, dass z.B. bei den Kleiderspenden eine Konkurrenzsituation kaum gegeben ist:
      - Geflüchtete brauchen meist kleinere Kleidergrößen und eher Sommerkleidung (wenn auch nicht nur).
      - Hiesige Obdachlose, die oft auf der Straße nächtigen, brauchen größere Größen, schon damit sie ihre Sachen zur Not übereinander anziehen können.

      Dementsprechend gibt Hanseatic Help Kleider nicht nur an Flüchtlingshilfsorganisationen aus, sondern auch an Suppenküchen (die oft nicht nur Suppe sondern auch Kleidung verteilen), Frauenhäuser und andere Einrichtungen. Alle Empfänger werden vorher geprüft, ob sie korrekt arbeiten und nicht etwa Kleidung etc. weiterverkaufen.

      Neben regelmäßigen Hilfstransporten nach Erbil/Nordirak (Kurdistan), Griechenland und Sizilien in die dortigen Flüchtlingslager sowie in die Ukraine gibt es Sonderaktionen wie die Verteilung von 100.000 Winterjacken, die der australische Unternehmer Henry Ngai vergangenen Dezember spendete. Hanseatic Help organisierte im Januar die Verteilung der warmen Kleidung an 22 Ausgabestationen in ganz Deutschland - 3000 Kilometer war der LKW unterwegs.

      Manche Kleiderspenden kann man nicht weitergeben. Mit High Heels oder sexy Unterwäsche machst Du keinen Flüchtling oder Obdachlosen glücklich. Was tun ?
      Man eröffnete im Karoviertel einen Secons-Hand-Laden: Hanseatic Heels. Dort fanden die Teile guten Absatz, und vom Erlös konnte dann wieder Nützlicheres gekauft werden - "Hacken für Jacken". Aktuell ist der Laden wieder geschlossen, aber vielleicht wird er nochmal reaktiviert.

      Aktuell wird ein Hilfstransport mit Frauen- und Kinderkleidung nach Haiti geschickt, in ein vom Hurrican "Matthews" zerstörtes Waisenhaus. Hierzu werden noch Packer/innen gesucht. Termin: Mittwoch 19.10. 12-17h, Bunker Wedel, Pinneberger Str. 23, 10 Minuten vom S-Bahnhof Wedel entfernt.
      Mehr dazu: hanseatic-help.org/ - runterscrollen bis "Aktuelle Projekte".
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      :wechsel:
      Entspanne dich. Lass das Steuer los. Trudle durch die Welt. Sie ist so schön.
      - Kurt Tucholsky -
      Gelegentlich doktere ich auch in meinem gelernten Beruf herum.
      So hatte ich kürzlich einen aus einer Kaukasusrepublik geflüchteten Mann vor mir, der kaum deutsch spricht und bei dem ein seltener Darminfekt festgestellt wurde. Das Labor meinte, den gäbe es gehäuft bei HIV-Infizierten, und ich sollte den Patienten mal testen.

      Jetzt gibt es eine Vorschrift, dass ein HIV-Test nur nach vorheriger Aufklärung des Patienten erfolgen darf. Woraus sich ein neues Problem ergibt, nämlich dass weder der Patient noch die Dolmetscherin (ebenfalls Flüchtling von dort) wissen was HIV ist.
      Ich erkläre, dass HIV das Virus ist, das die Krankheit AIDS, russisch SPID, überträgt, dass man das heutzutage mit Medikamenten gut behandeln kann, ich auch wüsste wo, und dass ich Leute kenne, die schon über 20 Jahre damit leben. Es gibt ein paar Erklärungen hin und her, schliesslich lässt sich der Mann Blut abnehmen und bekommt einen Termin eine Woche später, bis dahin müsste alles klar sein.

      Es ist schon zwei Tage später klar: Test negativ. Ein positives Ergebnis, d.h. das Vorliegen einer HIV-Infektion, hätte ich natürlich nur persönlich mitgeteilt. Der Patient wohnt 30 Kilometer weg, die Dolmetscherin dort im Haus nebenan. Eine Nachricht "Test negativ" könnte missverstanden werden, so schicke ich eine SMS:
      "Test ist fertig. Alles gut, SPID njet."
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      - Kurt Tucholsky -