Fluechtlingsbetreuung/Containertagebuch

      Am 11.11. war eine junge Afghanin in meinem Erste-Hilfe-Container, mit Magen-Darm-Problemen. Bei der Bauchinspektion fiel mir eine große Unterbauchschrägnarbe auf. Auf Frage: Sie ist an der Niere operiert worden. Nochmal Nachfrage: Nierenexplantation zwecks Reisefinanzierung ... Wie mir ein Kollege berichtete, war sie nicht die einzige. Den armen Hund, den er beraten hat, schickte er zum Ultraschall. Resultat: Steine in der einzigen Niere die er jetzt noch hat.

      Zwischendrin frag ich mich ja schon, warum die Leute alle nach Schweden wollen. Insbesondere wenn ich auf Grund meiner haus/notärztlichen Tätigkeit in unserem provisorischen Erste-Hilfe-Container der Meinung bin, dieser Mensch (Schwangere mit Komplikationen/krankes Kind/Mensch mit Lungenentzündung) sollte sich jetzt mal dringend ein paar Tage ausruhen, und wenn es im Massenschlafsaal einer Hamburger Erstaufnahme oder einem Krankenhaus ist. Aber die meisten wollen weiter, weiter, weiter - auch aus Angst, dass der Grenzübertritt demnächst noch schwieriger wird als jetzt schon.

      Manche haben Angehörige in Schweden, dann versteh ich natürlich, dass sie da auch hinwollen. Aber andere haben einfach gehört, dass es da besser ist als hier, und davon bin ich jetzt nicht mehr unbedingt überzeugt. Insbesondere wenn die Leute in ein entlegenes Dorf nördlich des Polarkreises einquartiert werden, wo es Monate nicht richtig hell wird - die ersten sind schon zurück geflüchtet nach Deutschland.

      Schwedische Faschisten haben auf Lesbos Flugblätter verteilt, in denen sie Flüchtlinge davon abhalten wollen, nach Schweden zu kommen. Natürlich wissen die Betroffen inzwischen auch, dass es sich bei den Autoren um Migranten hassende Hetzer handelt, gehen folgerichtig davon aus, dass das Gegenteil von dem richtig ist, was auf den Flugblättern steht, und kommen jetzt erst recht. Ähnliches erreichen die Herren de Maiziere und Seehofer mit ihren Tiraden von wegen Grenzen dicht und Familiennachzug verbieten - die Menschen machen sich in Panik auf den Weg, bevor es womöglich zu spät ist.

      Heisst also, alle diese Herrschaften bewirken so das Gegenteil von dem was sie erreichen wollen. Schlimmer noch: Wenn jetzt ein Wohlmeindender wie ich einzelnen Flüchtlingen einen guten Rat hinsichtlich ihres weiteren Reisewegs geben will (zB sich zwecks Genesung in Hamburg registrieren zu lassen und hier zu bleiben), hören sie darauf womöglich auch nicht mehr. Vor allem wenn sie im Familienverband unterwegs sind und der Familienrat nun mal beschlossen hat, wir gehen nach Schweden, egal wie.
      :reg:
      :wechsel:
      Entspanne dich. Lass das Steuer los. Trudle durch die Welt. Sie ist so schön.
      - Kurt Tucholsky -
      In einem anderen Forum (grizzly weis schon wo) bin ich für den Hinweis,
      daß es einen regen Organhandel bei Nieren aus dem Ausland gibt fast
      gekickt worden. Hat sich ja mittlerweile schon fast ein Jahr lang erledigt.
      Die Forenleitung hat mir die Zutrittsberechtigung entzogen. Wieder etwas Zeit
      für andere Hobbys gewonnen. :opaschaukel:
      Wenn am Abend noch das Feuer brennt hat der Schmied den Feierabend verpennt.

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      Zusammen mit den Vermietern von mobilen Toiletten/Duschen/ Zelten und
      Heizaggregaten. Und nebenbei steigt auch der Bedarf an Alarmanlagen,
      und einbruchshemmenden Grundstücksabgrenzungen/Fenstern/Türen.
      Mich erreichen dabei nur die Anfragen über Zäune, Tore und Vergitterungen.
      Und ich gebe zu: merklich steigender Bedarf. Bis hin zu Anfragen nach
      Nato-Stacheldraht.(Also der, für den man einen Waffenschein braucht.) :haarerauf:
      Da konnte ich nicht weiterhelfen. Diese rasierklingenbestückten Teile sind mir
      zu heiß. :stuhlversteck:
      Wenn am Abend noch das Feuer brennt hat der Schmied den Feierabend verpennt.
      Betreuung von Flüchtlingen bedeutet aber noch so viel mehr
      als Unterbringung, Ernährung und medizinische Grundversorgung.
      An anderer Stelle habe ich schon einmal auf das Heroes-Projekt
      aus Schweden verwiesen, welches nun schon viele Jahre in
      Deutschland weitergeführt wird. Dort tauchte auch der Name
      des Journalisten Mansour (Al Jazerra) auf. Er gab aktuell ein
      Interview zu den Anschlägen in Paris und der Frage "Warum konnte
      so etwas geschehen". Wer keine Zeit hat den ganzen Artikel zu
      lesen, dem stelle ich die 2 wichtigsten Gedanken heraus:
      *Die Anschläge haben nichts mit den hier ankommenden Flüchtlingen
      zu tun.
      * Die Terroristen sind ein Produkt unser eigenen Gesellschaft und der Fehler
      bei der sozialen Integration in die westliche Wertegemeinschaft.

      n-tv.de/politik/Die-Taeter-sin…haft-article16355896.html

      PS: Zeitung gelesen und wieder etwas Positives entdeckt!
      Unser Notunterkunftslager für Migranten (habe schon mal von der fensterlosen Industriehalle
      mit über 1400 qm Fläche berichtet) wird nun endlich mit Geld vom Land Thüringen winterfest
      gemacht.
      Sanitärtrakt eingebaut: 94.000 €
      250 Doppelstockbetten(bisher Plastepritschen mit Schaumauflegern vom THW) 43.000 €
      Einbau Hallenheizung (alte ist kaputt): 157.000 €
      Brandmeldeanlage neu + Sprinkleranlage aufrüsten: 65.000 €
      Und das alles sind Angaben ohne MwSt ! Hoffentlich wird dann die Unterbringung etwas
      erträglicher wenn sie länger dauert.
      Kleiner Wermutstropfen: Damit wird die Notunterkunft wohl zu einer Dauereinrichtung. :muede_traurig:
      Wenn am Abend noch das Feuer brennt hat der Schmied den Feierabend verpennt.

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      Danke für den Link mit dem interessanten Ali-Mansour-Interview. In der Richtung hab ich auch gedacht. Vor allem dass man die Flüchtlinge nicht in irgendeine Beziehung mit den Attentätern setzen kann, ausser dass sie vor den gleichen Verbrechern auf der Flucht sind.

      Zurück zu meinem Container-Tagebuch und meinen Gedanken dazu:

      Einem Flüchtling, mit dem man darüber reden kann, und der keine Angehörigen in Schweden hat wo er unbedingt hinwill, rate ich inzwischen auch davon ab. Im übrigen gibt es in Deutschland noch einiges an freien Gebäuden, so in Heidelberg nach dem Abzug der US-Truppen. Es ist zwar ein kleiner Teil davon für Flüchtlinge eingerichtet worden, im wesentlichen die abgelegene ehemalige US-Siedlung [url=http://www.rnz.de/nachrichten/heidelberg_artikel,-Fluechtlinge-im-Patrick-Henry-Village-Zwischen-Bangen-und-Warten-_arid,130372.html]Patrick Henry Village[/url] und ein einzelner Bau im ausgedehntes Gelände der Patton Baracks, aber es steht noch jede Menge leer, was schon angesichts der Wohnungsnot für Studenten ein Verbrechen ist. Warum die, zusammen mit den Flüchtlingen, diese schönen Gebäude nicht besetzen, ist mir ein Rätsel. Der OB will, am Gemeinderat vorbei, dieses Gelände meistbietend an Spekulanten verschachern.


      Das ehemalige US-Headquarter, Heidelberg Römerstraße (eig. Bild 7/14)


      Leer stehende Gebäude der Patton Baracks, Heidelberg-Kirchheim (eig. Bild 10/15)

      Lichtblick:
      Auf einer Besprechung am Donnerstagabend haben sich über 30 neue Kolleg/inn/en und Krankenschwestern gemeldet. Wir können derzeit einen Dreischichtplan 8-12, 14-18 und 20-24 Uhr besetzen. Wenn ich daran denke, dass ich vor drei Wochen der einzige war ...
      :reg:
      :wechsel:
      Entspanne dich. Lass das Steuer los. Trudle durch die Welt. Sie ist so schön.
      - Kurt Tucholsky -
      Container-Tagebuch 5 - 16.11.15

      Meine Lieblingsdolmetscherin H. (nicht nur weil sie Farsi UND Arabisch spricht und damit fast unser gesamtes Klientel abdeckt) ist richtig krank und fällt mindestens 2 Wochen aus. Ihr Arabisch-Vertreter ist ein junger Flüchtling - bemüht aber selber erst ein Jahr in Deutschland. Mit Farsi hakt es noch mehr, bis etwa gleichzeitig eine deutsch-türkische Krankenschwester und ein afghanischer Flüchtling eintreffen, der längere Zeit in der Türkei verbracht hat - Türkisch als Brückensprache, das ist mal was Neues. Wobei im Türkischen jetzt zahlreiche mir vertraute Brocken dabei sind und mir auffällt, wie viele gemeinsame Wörter es in diesen beiden Sprachen gibt.

      Medizinische Herausforderungen gibts heut nicht, zumal mich ein Kollege unterstützt. Er ist neu dabei und guckt erst mir über die Schulter, und dann ich ihm. Zwischendrin bemühe ich mich, für ein syrisches Kind mit dicker Oberkiefervereiterung eine arabisch sprechende Begleitung zu organisieren, damit es in der Kieferklinik behandelt werden kann - am Ende hab ich eine deutsche Begleiterin und eine Liste mit 3 Telefondolmetschern.

      Unterdessen verdichtet sich das Gerücht eines baldigen Umzugs aus dem Container ins benachbarte Bieberhaus, allein ich glaub das erst wenn wir drin sind. Aber die Chancen, dass es früher sein wird als dass die Elb-Philharmonie fertig wird, stehen gut.
      :reg:
      :wechsel:
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      - Kurt Tucholsky -
      18.11.2015
      Mein Verhältnis zu Chefärzten ist etwas zwiespältig. Als Kollege ganz passabel, da wollen sie schließlich was von mir, vor allem könnte ich ihnen ja Patienten zuweisen, meistens zahlende, gelegentlich sogar privat Versicherte - dann sind sie sogar so nett und nehmen mir mal einen Unversicherten ab (zu ihrer Ehrenrettung muss gesagt werden: Bisher haben sie mir alle abgenommen!). Mein eigenes Gesundheitsverhalten hingegen sehen sie eher kritisch - früher v.a. als Student haben sie mir freundlich auf den Bauch geklopft und was von Abnehmen erzählt.
      Aber jetzt hat ein Chefarzt der Psychiatrie aus Köln mir (wenn auch nicht persönlich) bestätigt, dass mein Gesundheitsverhalten genau richtig ist. Und mir gehts auch gut - OK dazu hätte ich jetzt nicht den Chefarzt und Theologen Manfred Lütz gebraucht bzw bin ich auch allein drauf gekommen:
      FLÜCHTLINGE BETREUEN MACHT GLÜCKLICH!
      saarbruecker-zeitung.de/nachri…echtlinge;art2825,5952573

      Ich könnte im Umkehrschluss natürlich auch den Pegidisten auf ihrer nächsten Zusammenrottung ein Transparent entgegen halten: Achtung, Rechts-sein schadet Ihrer Gesundheit - und das lasse ich dann lieber: Könnte wiederum nicht gut für meine Gesundheit sein, so wie die drauf sind.

      Zurück zum Container.
      Inzwischen haben wir eine mehrstöckige Dokumentenablage auf dem Schreibtisch d.h. es wird immer komfortabler. Allein unsere Dolmetscherin, die immer noch im Krankenhaus liegt, vermissen mein Kollege und ich schmerzlich - zeitweise behelfe ich mich mit meinem Bröseltürkisch und dem, was bei den Flüchtlingen von ihrem Türkeiaufenthalt hängen geblieben ist. Ein schon geschwächtes hustendes Kleinkind wollen wir im Krankenhaus vorstellen, was wegen des abfahrenden Zuges unterbleibt - das von mir in Eigenbau zusammengebastelte Einweisungsformular hatte ich schon ausgefüllt, dadurch dass es mein Kollege als Vorlage nutzen kann war das nicht ganz für die Katz. Wenigstens hatte ich noch nicht in der Klinik angerufen; es ist nicht das erste Mal, dass der Fahrplan meine Bemühungen durchkreuzt.

      Beim nächsten Kind, etwa 9 Monate alt - so genau wissen die Eltern das selber nicht - bestehe ich trotz Zugabfahrt (aber erst in 50 Minuten !) auf einer Untersuchung. Die bringt zwar ausser der üblichen Erkältung nichts, aber ich hab bei meiner Medikation ein besseres Gefühl, als wenn ich nur wie gewünscht Paracetamol verteilt hätte. Die Mutter bekommt ein bissl mehr als sie ursprünglich gewollt hatte, so haben wir beide etwas davon. Und der Vater, mit dem ich mich 10 Minuten herumgestritten hatte, um die Untersuchung überhaupt machen zu können, bedankt sich bei mir.

      Irgendwann fahren drei Polizeibusse auf, samt Besatzung. Früher, im Hüttendorf von Gorleben oder an der Frankfurter Startbahn West, wäre ich jetzt sehr beunruhigt gewesen. Jetzt geh ich auf die Herrschaften zu, stelle mich vor und frage nach dem Grund ihrer Anwesenheit. Sie, ebenfalls freundlich, erklären, dass das nichts mit den Flüchtlingen zu tun habe ("Sie können sie beruhigen", was ich auch zusage), sondern mit der allgemein angespannten Sicherheitslage, schliesslich sei hier der Hauptbahnhof und nächsten Montag ein Großereignis, nämlich der Staatsakt für Helmut Schmidt. Im Moment beruhigt auch mich die Polizeianwesenheit eher, so ändern sich die Zeiten. Wobei meine Besorgnis eher Naziüberfällen gilt als Dschihadistenangriffen - allein Nazis sind nicht so suizidal veranlagt als dass sie hier angreifen würden; die glauben nicht an 70 Jungfrauen im Jenseits, und wenn doch, dann nicht daran, dass es sich dauerhaft um Jungfrauen handelt.
      :reg:
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      - Kurt Tucholsky -
      25.11.2015
      Die gefühlte Temperatur liegt etwas unter, die gemessene etwas über dem Gefrierpunkt. Jedenfalls wird's im Container trotz der Elektroheizung längere Zeit nicht richtig warm, ausserdem isses feucht, so dass mir kein besseres Selfie gelingt das das hier, schon nachbearbeitete:



      Das Raumklima ändert sich schlagartig Richtung Subtropen, als nahezu gleichzeitig vier Afghanen, nämlich Kind=Patient, Mutter, Vater plus Dari-Bröselenglisch-Dolmetscher sowie zwei Praktikant/inn/en einer Hamburger Krankenpflegeschule hereinstürmen. Sie sind sehr interessiert und helfen zumindestens als Türöffner/Schliesser und Krankenwageneinweiser bzw. schaffen das Kunststück, in diesem kleinen Raum nicht im Weg herum zu stehen. Mehr kann man von Auszubildenden im 1. Jahr, die mit einer solchen Situation noch nie konfrontiert waren, wirklich nicht erwarten.

      Inzwischen ist ja schon von einem Umzug nächste Woche die Rede, ins gegenüber liegende Bieberhaus, benannt nach Dr. Theodor August Bieber, dem Direktor einer "Jungenschule", die sich vor dem Baubeginn 1908 auf diesem Gelände befand. Dort stehen Räume leer, und wir hätten Platz in Hülle und Fülle. Allein, ich glaub's erst wenn wir drin sind - die Stadt warnt immer wieder vor "Parallelstrukturen" über die sie keine oder nur eine sehr eingeschränkte Kontrolle hat (sie könnte uns ggf. noch ein Bein stellen), und das gesamte Flüchtlingshilfesystem der Ehenamtlichen am Hauptbahnhof ist eine solche. Aber eine, deren Notwendigkeit derzeit auch die Stadt einsieht.

      Ein Hoch an dieser Stelle an alle Hamburger Rettungswagenfahrer und Krankenhausmitarbeiter, die uns immer wieder Patienten in vermuteten oder tatsächlichen Notfallsituationen abnehmen, in Kenntnis, dass es dafür in der Regel keine Kohle gibt. So hab ich letzte Woche ein Kind mit einer komplizierten Vereiterung eingewiesen (nach Vorankündigung im entsprechenden Krankenhaus), das dort nicht nur operiert, sondern mitsamt Mutter auch noch mehrere Tage dabehalten wurde, vermutlich länger als ein hier sesshaftes Kind, das man nach einem Tag womöglich heimgeschickt hätte mit der Aufforderung an die Eltern, regelmäßig zur Wundkontrolle vorbei zu schauen. Denn bei diesem Kind war den Krankenhausteam klar, dass die Chancen einer unproblematischen Wundheilung in einer Massenunterkunft/Zelt sehr viel schlechter gewesen wären, als in einem Krankenhauszimmer. So konnte die Familie nach einigen Tagen wohlbehalten die Weiterreise antreten.

      Abends findet wieder eine Fortbildungsveranstaltung der Hamburger Ärztekammer statt zum Thema Flüchtlingsversorgung. Nicht nur die Themen sind interessant, sondern ist ist für mich auch eine gute Möglichkeit, unsere Arbeit am Hauptbahnhof bekannt zu machen mit dem willkommenen Nebeneffekt, dass sich Kolleg/inn/en bei mir melden und mitmachen wollen. Gestern Abend waren es zwei.
      :reg:
      :wechsel:
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      - Kurt Tucholsky -
      :knuddel1: @grizzly.
      Eine anstrengende, aufopferungsvolle und verrückte Zeit
      ohne ein erkennbares Licht am Tunnel. Bis in alle Ewigkeit
      kann das so aber auch nicht weitergehen. Da muß für die
      medizinische Versorgung der Erstankömmlinge+ Durchreisenden
      ein finanzieller Topf geöffnet werden. Zumal bei diesen Migrations-
      bewegungen jede Menge unbeliebte blinde Passagiere mitreisen,
      für die die Flüchtlinge auch nix können. (Bakterien, Viren, Parasiten)
      Für`s erste hilft nur warmhalten und Mitstreiter suchen. :nachdenken:
      Wenn am Abend noch das Feuer brennt hat der Schmied den Feierabend verpennt.
      Zumal bei diesen Migrations- bewegungen jede Menge unbeliebte blinde Passagiere mitreisen, für die die Flüchtlinge auch nix können. (Bakterien, Viren, Parasiten)

      Dafür, aber nicht nur für die Tierchen, sondern auch wegen der besonderen Lebenssituation dieser Menschen gibt's einen neue medizinische Unterdisziplin, nämlich "Flüchtlingsmedizin", mit zwei Wochenendfortbildungen, auf deren erster ich grad war, was auch meine Netzabstinenz erklärt.
      Mehr dazu später.
      :reg:
      :wechsel:
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      - Kurt Tucholsky -
      Inzwischen (Stand 26.11.) pfeifen es nicht nur die Spatzen von den Dächern, sondern auch der NDR, dass wir ins Bieberhaus umziehen:
      ndr.de/nachrichten/hamburg/Flu…ahnhof,bieberhaus106.html
      Ich weiss sogar schon einen Termin, aber den verrat ich nicht - wer es wissen muss, der weiss es eh.

      27.11.
      Eine Freundin mit arabischer Muttersprache hilft mir heut bei den Syrern und Irakern, bei den Afghanen müssen wir improvisieren.
      Der nächste Patient ist Afghane, da muss sie passen.
      "Salam aleikum". Antwort dito.
      "English, Deutsch ?" Verneinen.
      Patient hustet demonstrativ. Ich fühle ob er fiebert - im Regelfall nicht.
      Manchmal funktioniert ja unser Stirnthermometer - die Batterien entladen sich schnell. Ansonsten bin ich kein Freund von langen Thermometer-Aktionen, womöglich noch rektal (für Nichtmediziner: im Hintern, was am genausten ist), das lässt sich eh nicht durchsetzen und hält nur auf. Während meiner Famulatur 1980 in Kilimatinde/Tansania hatte das ganze Krankenhaus nur zwei Thermometer, da hiess es normalerweise: Fieber oder kein Fieber. Später hab ich bei meinen Heidelberger Kliniknachtwachen - es war damals noch üblich und Aufgabe der Nachtwächter, morgens die ganze Station durchzumessen, dazu Puls und Frage nach Stuhlgang - vor dem Ablesen mit der Hand an der Stirn "gemessen" und lag mit meiner Schätzung selten um mehr als ein halbes Grad daneben.
      Gut, er hat also kein Fieber.
      Ich nähere mich mit Lampe und Mundspatel, im Regelfall macht er dann den Mund weit auf, sogar Kinder tun das. Ggf. streck ich ihm die Zunge raus, das macht er nach. Manchmal ist der Rachen gerötet, oft nicht - interessanterweise hab ich seit Beginn meiner Containerkarriere noch keine vereiterten Mandeln gesehen.
      Ich drücke auf Nasennebenhöhlen, später (vorsichtig) auf die Augäpfel, bei geschlossenen Augen.
      "Dar mikoneh ?" Tut's da weh ?
      Tut es meistens nicht.
      Ich zeige ihm das Stethoskop, sag dass ich ihn abhören will (auf Deutsch, einfach damit er das Gefühl hat dass man mit ihm redet) und deute das Anheben der Oberbekleidung an. Das dauert ein bissl, denn es sind im Regelfall mehrere Schichten.
      Ich hör ihn ab, sag vielleicht "nafas" (Atmen oder Atmung, ähnlich wie das türkische "nefes") oder atme selber etwas tiefer, damit er das nachmacht. Wenn ich fertig bis: "Tashakor", danke (bei Arabern: "Shukran").
      Wenn er Schmerzen andeutet, geb ich ihm ein paar Paracetamol-Tabletten, ansonsten Nasenspray, wenn die Nasenatmung behindert ist, das hört man ja. Wenn ich denke, dass er Antibiotika braucht (das denke ich selten) suche ich mir einen Dolmetscher oder rufe H. an, die zumindestens schon wieder reden kann (hoffentlich kommt sie bald wieder), und dann würde er auch etwas Schriftliches mitkriegen.
      Er bekommt noch ein paar Hustenbonbons und ich sag ihm,dass er viel trinken soll. Mach dazu die Geste des Trinkens und sage "Tschai" (Tee) - dass ich damit Bier meine, ist bei diesem kulturellen Hintergrund unwahrscheinlich.
      Ich sag "OK, salam aleikum" und "choda hafis" (heisst bei den Afghanen sowas wie tschüss), und der Patient geht, bedankt sich vielleicht noch mit "tashakor" und auch "choda hafis".

      Meine Praxiskollegin meinte, das hier sei "Dritte-Welt-Medizin". Da hat sie wohl Recht. Aber ich denke, viel mehr braucht es in dieser Situation auch nicht, schliesslich sind die meisten Leute auf dem Sprung. Und man muss halt auseinander halten, wann wird's gefährlich, bzw. wann muss der Mensch zumindestens im Krankenhaus vorgestellt werden. Wobei ich da bei Kindern schneller dabei bin als bei Erwachsenen, bei Schwangeren sowieso, und die meisten das auch akzeptieren, natürlich nur mit ausreichender Erklärung (das geht dann nur mit gescheiten Dolmetschern, zur Not am Telefon).

      Wie zum Beispiel bei dem jungen Syrer mit Nierensteinen. Er wusste, dass er welche hatte, da in der Türkei schon mal damit behandelt. Und ich weiss, dass es tierische Schmerzen sind, die mit einer Diclofenac-Spritze oder Tramadol-Tabletten nicht hinreichend weggehen. Aber seine beiden Kumpels wollten unbedingt mit ihm weiter, in ein ostdeutsches Aufnahmelager, weil dort schon Angehörige waren.
      Über dieses Lager hatte ich in der TAZ schon einiges Unschöne gelesen.
      Gut, vielleicht haben sich die Umstände gebessert. Aber es liegt am Arsch der Welt ("am Ende der Welt", übersetzt es die Dolmetscherin), es fährt selten ein Bus und am Wochenende (wir haben Freitagmittag) noch seltener. Und dann Stunden im Bus.
      Ende vom Lied: Sie stimmen einer Einweisung zu und ich ruf den Rettungswagen. Solang bleibt der Patient im Container, einen seiner beiden englischsprachigen Begleiter schicke ich raus, um die Sanitäter einzuweisen - funktioniert super. Und nach einer kurzen Debatte akzeptiert die RTW-Besatzung auch beide Begleiter, normalerweise nehmen sie nur einen mit.

      Mein Wochenende ist normalerweise "flüchtlingsfrei", wenn nicht grad eine Demo zu dem Thema ist. Oder, wie jetzt grad, eine Fortbildung, mit dem Titel "Flüchtlingsmedizin". über 200 Leute sind da, der alte Hörsaal des "Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin" ist proppevoll. Die meisten, zum Teil von weit angereist, betreuen Erstaufnahmeeinrichtungen, zum Teil bezahlt, zum Teil ehrenamtlich. Ich hab ein bisslwas protokolliert - wen's interessiert, kann mich anmailen.
      :reg:
      :wechsel:
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      - Kurt Tucholsky -
      Ist ja ein kleiner Sprachexkurs. :icon_thumbsup:
      In der Reichweite unseres "Notaufnahmelagers" hätte man
      an die Haushalte wenigstens mal `nen Handzettel mit den
      wichtigsten Vokabeln und Verhaltenstips austeilen können.
      Aber so ist alles Mundpropaganda.Was dabei mitunter rauskommt
      könnt Ihr sicher ahnen. :haarerauf:
      Neuester Hit...die Asylanten schmeißen die Registrierungsbänder
      weg. Nun kann man spekulieren in welchem Zusammenhang das
      steht. Eins ist Fakt: ohne Band am Handgelenk bekommen sie
      keinen Einlaß mehr an der Unterbringungseinrichtung. Und wenn
      sie noch keine offizielle Registrierung haben sind sie damit illegal im
      Untergrund abgetaucht. Unter Umständen aus Angst vor einer Ablehnung/
      Rückführung. Ich habe selber schon gesehen wie Asylsuchende aus den
      Transportfahrzeugen geflüchtet sind, die sie in eine Aufnahmeeinrichtung/
      Registrierungsstelle bringen sollten. Viele wollen auch in bestimmten
      Ballungszentren aufgenommen werden. Die Bundesländer im Osten stehen
      dabei nicht gerade hoch im Kurs bei den Migranten. Aber wen wundert`s?
      Nicht mal die eigenen Einwohner sehen sich hier wohl aufgehoben. :muede_traurig:
      Wenn am Abend noch das Feuer brennt hat der Schmied den Feierabend verpennt.

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      Betr. Fluchtartiges Verlassen des Transportfahrzeugs:
      Die trauen halt den Offiziellen nicht mehr. Und wollen möglichst da hin, wo sie Leute kennen - was Vertrautes halt.

      Betr. sich aufgehoben fühlen, sowohl (Ost)Einheimische als auch Flüchtlinge:
      Der Staat sollte da, wo Flüchtlinge engagiert aufgenommen werden, Belohnungen verteilen mit Beträgen, mit denen sich auch was anfangen lässt.
      Dies insbesondere für Aktionen, die das Gemeinschaftsleben alter und neuer Bewohner fördert. Denn es zeigt sich ja immer wieder, dass es fremdenfeindliche Übergriffe v.a. dort gibt, wo nur wenige Migranten leben, und nur wenige dort, wo die Ursprungsnationalität schon gut "durchmischt" ist.

      Ggf dort auch Strafabzüge einziehen, wo infolge rechter Hetzpropaganda nix passiert oder Flüchtlinge wieder das Weite suchen wegen solcher Übergriffe und Feindlichkeiten.

      Das Recht auf freie Meinungsäußerung hat da seine Grenzen, wo das Existenzrecht anderer (und zwar an dem Platz, wo sich diese Anderen jetzt aufhalten) bestritten wird. Insofern haben AFD, NPD, Pegida und sonstige Hetzgruppen ihr Existenzrecht verwirkt.
      :reg:
      :wechsel:
      Entspanne dich. Lass das Steuer los. Trudle durch die Welt. Sie ist so schön.
      - Kurt Tucholsky -
      Doch wie immer liegt das "Vernünftige" irgendwo im
      Niemandsland zwischen extrem Recht und Links.
      Denn schon die pauschalisierte Auflistung von AFD und
      Pegida in einer Reihe mit NPD und anderen (zB. Hooligans)
      ist ein allgemein verbreiteter Reflex, der aber nicht dem Kern
      der Sache entspricht .
      AFD=> Alternative für Deutschland
      Eine konservative Opposition die ihre Wurzeln in der "Zwangseinführung"
      des Euro hat. Diese verfrühte europäische Fiskalunion ohne ausreichende
      wirtschaftliche und politische Ausgleichsinstrumente stellt eine große
      Gefahr für die Stabilität der EU dar. Und je weiter die Zeit läuft umso
      deutlicher wird dieser Fakt. In 10 Jahren könnte sich rausstellen:
      Pech gehabt... haben die doch Recht gehabt. :muede_traurig:
      Pegida=> Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes
      Auf der Rückfahrt vom Klinikum habe ich heut einen Vortrag über die Bedeutung
      des Laizismus in unserem Staatswesen gehört. Besonders beleuchtet wurden
      die historischen Wurzel in Frankreich bei der Bildung der bürgerlichen Republik
      und die Veränderung aktuell durch die bis 6 Millionen muslimischen Mitbürger.
      In der Auswertung des Gehörten reicht schon eine sinnhafte Kontrollfrage.
      Ist es rechtsradikal, wenn man sich Sorgen um seine Zukunft macht?
      :kopfkratz: Wahrscheinlich nicht. Doch da die Rechtsradikalen sich
      an die Bewegung dranhängen hat die Regierung nichts Besseres zu
      tun, als alle in einen Topf zu hauen. Ziel: Wenn man die "Besorgten"
      insgesamt als rechtsradikal verunglimpft, braucht man keine Antworten
      auf die berechtigten Fragen zu geben. Ergebnis: kein Plan in Sicht! :haarerauf:
      Wenn am Abend noch das Feuer brennt hat der Schmied den Feierabend verpennt.

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      Gerade läuft eine Meldung bei mir über den Schirm die meine
      oben geäußerten Dinge in einem neuen Licht erscheinen lassen.
      Wie weit "rechts" ist wohl die Bevölkerung in Deutschland wenn sie
      in einer aktuellen Umfrage die Politik der CDU als "Links von der
      Mitte" einordnet? Die Antwort gefällt mir überhaupt nicht..... :haarerauf:
      Da stehen einem Human-Sozi wie mir die Haare zu Berge.
      t-online.de/nachrichten/deutsc…er-weiter-nach-links.html

      Bei so wenig Verständnis für politische Geschichte im Volk kommt so was dabei heraus!
      t-online.de/eltern/familie/id_…orm-auf-facebook-aus.html
      Hat denen denn keiner erklärt, daß zur Zeit der Weihnachtsgeschichte
      (siehe 3 Heilige Könige in der linken unteren Ecke) es noch gar keine
      muslimische Moscheen gab? Die erste wurde 622 Jahre nach der Geburt
      Christi gebaut. Also hat die historische Architektur mit der angesprochenen Religion
      erst viel später etwas zu tun.
      wasglaubstdudenn.de/spuren/faq…er-welt-und-wer-baute-sie
      Und wenn ich die Meldungen dieseits und jenseits des Atlantiks lese schießt mir durch den
      Kopf: Forget it !
      Alternativ helfen da Ansichten von außerhalb.
      zB. hat der Premierminister von Malaysia Mahathir Mohamad bei AL ein Interview gegeben.
      Schlagzeile:Westen gegen ISIL
      Im Folgenden hänge ich eine automatische Übersetzung aus dem Englischen einer Textstelle an:
      Mahathir sagte, dass der Anstieg des Islamischen Staates im Irak und in der Levante
      (Syrien d.R.) hat seine Wurzeln in der westlichen Politik im Nahen Osten, die Spannungen
      und Ressentiments in der Region noch verschärft hat.

      Wir sollten wirklich mal in uns gehen und die Tragweite alt hergebrachter Denkweisen hinterfragen.
      Und uns auch nicht davor scheuen, bisher nicht für möglich Gehaltenes zu akzeptieren.
      Denn nur so können wir bestehende Grenzen überschreiten
      Ich als DDR-Bürger habe es am eigenen Leib erfahren. Es wird wohl nicht die letzte
      "Grenzüberschreitung" sein die ich überlebe.
      Wenn am Abend noch das Feuer brennt hat der Schmied den Feierabend verpennt.

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      Netter Versuch diese Schlagzeile :nachdenken:
      "Flüchtling Feras im Bundestag: Warum sind sie gegen den Syrieneinsatz?"
      Und ein Bild von einer PDS-Abgeordneten drunter.... bei Bild Bezahlseite.
      Stimmungsmache der übelsten Sorte. Denn ein Spezialist für Völkerrecht
      hat heute früh im Interview unmißverständlich erklärt: Der Einsatz Frankreichs
      und der ihm unterstützenden Staaten mit Militär in Syrien ist durch kein internationales
      Recht gedeckt. Schon die Unterstützung der Aufständigen mit Waffen oder Logistik
      verstößt eindeutig gegen Völkerrecht. Diese Verstöße begannen mit der Balkankrise
      und verschärften sich nach dem 11.09.2001 massiv. Irak, Lybien, Syrien...seiner Meinung
      nach alles ein Fall für die internationale Gerichtsbarkeit im Sinne von illegalen offenen
      oder verdeckten militärischen Angriffsinterventionen.
      Der Interviewpartner war kein "Dummer". Prof.Dr. Reinhard Merkel kann schon auf eine
      umfangreiche Reputation verweisen. Wäre schön, wenn dieses Interview mal in einer
      Veröffentlichung auftaucht, um die Argumentation Schritt für Schritt nachvollziehen zu
      können..
      Wenn am Abend noch das Feuer brennt hat der Schmied den Feierabend verpennt.
      Für mich gibt's zwischen AFD, Pegida und NPD keinen Unterschied, alles miese rechte Hetzer ohne jede politische Existenzberechtigung. Die Unionsparteien kann ich noch als politische Gegner akzeptieren, auch wenn viele Absonderungen aus dieser Ecke schon schwer erträglich sind - da hatte Franz-Josef Strauss recht:
      "Rechts von uns ist die Wand" (1986).

      Was den Syrieneinsatz der Bundeswehr betrifft (mit Reinhard Merkel, der mit der Bundeskanzlerin nicht verwandt oder verschwägert ist, war ich übrigens in einer Schulklasse) so hab ich einen Leserbrief an die TAZ geschrieben:

      Die Beteiligung der Bundesluftwaffe gegen den IS ist Schwachsinn, das wurde schon hinreichend begründet. Dass man die IS-Schlächter nicht wegstreicheln kann, ist auch klar. Finanzierung eindampfen ist auch richtig, aberdauert allein zu lang. Was also tun ? Bodentruppen bräuchte es, eine Besatzungsarmee von ausserhalb funktioniert aber nicht, siehe Irak, Afghanistan, Vietnam.

      Die einzigen, die dem IS in der Vergangenheit schon wirksam Contra geboten haben, sind die Kurden, besonders die PKK. Auch wenn es deutschen Innenpolitikern und vor allem Herrn Erdogan nicht passt, aber es ist die einzige Lösung: Öcalan freilassen, PKK zulassen und alle kurdischen Kämpfer unterstützen !


      Im Übrigen hätte ich nix dagegen, wenn Herr Putin als Vergeltung für den (m.E. ausnahmsweise berechtigten) Abschuss des russischen Bombers nach einer angemessenen Vorwarnzeit zwecks Evakuierung den Erdogan'schen Präsidentenpalast bombardieren lässt - war eh ein Schwarzbau.
      :reg:
      :wechsel:
      Entspanne dich. Lass das Steuer los. Trudle durch die Welt. Sie ist so schön.
      - Kurt Tucholsky -
      4.12.15
      In meiner ehemaligen Praxis wurde ein noch funktionsfähiger Bürostuhl ausrangiert. Da ich aus einer Familie komme, in der nix noch irgendwie Brauchbare weggeschmissen wird, pack ich das gute Stück ins Auto und dann in die U-Bahn, so hab ich morgens in der vollen Bahn wenigstens einen Sitzplatz. Noch quer durch den Hauptbahnhof gerollt, und schon haben wir einen wunderschönen Drehstuhl im Container.



      Es ist nasskalt auf dem Platz, und wer nicht ins Freie muss, der lässt es. Meine Dolmetscherin hat einen Termin, so bin ich mit den Syrern und Afghanen allein, immerhin sprechen sie heut fast alle englisch, sogar die 10jährigen afghanischen Drillingsmädchen, deren Vater, Ingenieur und Diabetiker, schneller mit dem von der Pharmaindustrie gespendeten Blutzuckermessgerät zurecht kommt als ich, der wieder mal Probleme mit der (deutschsprachigen!) Bedienungsanleitung hat.

      Und dann bekomme ich doch noch Sprachschwierigkeiten. Die Mutter eines syrischen Kleinkinds überschüttet mich mit einem Wortschwall, aus dem ich nur "Harraara" heraushöre, weil sie es sie dauernd wiederholt. Mein einziger arabischer Komplettsatz "ana ma batkelimsch arabi", ich kann kein Arabisch, spornt sie in ihrer Sprachproduktion nur noch mehr an.
      Meine telefonisch kontaktierte Nahostfreundin ist nicht erreichbar, nur ihr 12jähriger Sohn. Der schlägt sich tapfer, muss aber vor dieser Wortflut kapitulieren; immerhin erklärt er mir was "Harraara" heisst - Fieber. Was das Kind aktuell aber nicht hat, der Bub ist fit.
      Meine Stammdolmetscherin spricht dann am Telefon lang mit der Mutter - letztendlich wollte die nur Paracetamol-Zäpfchen für ihr immer wieder fieberndes Kind haben. Kriegt sie - salam aleikum, und ab gehts Richtung Schweden, in der Hoffnung dass sie da auch ankommt.
      :reg:
      :wechsel:
      Entspanne dich. Lass das Steuer los. Trudle durch die Welt. Sie ist so schön.
      - Kurt Tucholsky -