Das weisse Band (DVD)

      Das weisse Band (DVD)

      Mir geht noch der Film mit dem o.g. Titel durch den Kopf, den wir aus der Videothek geholt und heute angeguckt haben.

      Ich schreibe das jetzt extra, bevor ich im Internet weitere Infos über diesen Film einhole, um zu überprüfen, ob ich mit meinen Vermutungen in der Nähe dessen liege, was Autoren und Regie ausdrücken wollten, oder ob meilenweit daneben.

      Die Geschichte spielt in einem deutschen Dorf im Jahre 1913, wo genau, ist nicht ersichtlich. Vom Baustil der Kirche und von dem bisschen Landschaft, was man sieht, ist es wohl irgendwo in der norddeutschen Tiefebene, dafür spricht auch die protestantische Dorfbevölkerung, wobei der krachbayrische Gutsverwalter etwas irritiert - ich denke, vom Regisseur her beabsichtigt. Verschiedenes soll ich als Zuschauer nicht einsortieren können.

      So wie die Kinder des Dorfes vieles nicht verstehen und von Eltern wie Obrigkeit (vertreten durch den Baron, den Pfarrer, den Arzt und den Gutsverwalter) unwissend und in Angst gehalten, bauen sie sich ihre eigenen Erklärens-, Überlebens- und Aggressionsabbaustragien zurecht. Was dann wieder den Erwachsenen unverständlich und unheimlich ist. Wir Zuschauer lernen beide Perspektiven kennen, und es bleibt uns trotzdem einiges bis zum Schluss verborgen, wir können es allenfalls ahnen.

      Es gibt eine klare Hackordnung: Oben der Baron, darunter der Pfarrer, der Arzt, der Gutsverwalter (der Lehrer würde normalerweise auch dahin gehören, ist hier aber neutraler Berichterstatter, zumal er vom Alter der Zwischengeneration zwischen Eltern und Kindern angehört), dann die Frauen/Mütter, die sich dem Diktat der Väter unterwerfen müssen und allenfalls die Möglichkeit der Flucht haben - was einige von ihnen auch tun.

      Die mit den Mitteln der Schwarzen Pädagogik geknechteten Kinder kommen danach. Sie müssen ihre Erzeuger mit "Herr Vater" anreden und im Bedarfsfall noch den Stock holen, mit denen der Harr Vater sie dann verhaut bzw. im Fall des Pfarrers, eines leisen Sadisten, der niemals brüllt und vor dem alle Angst haben, die abgezählten "Rutenhiebe verabfolgt" und die Bestraften zusätzlich demütigt, indem er ihnen ein weisses Band (davon der Titel) umbindet, damit sie immer an ihre verlorene und wiederzugewinnende Unschuld erinnert werden.

      Manche Racheakte (ob von Kinder oder von Untergebenen verübt ?) sind für die Akteur/innen wie für die Zuschauer nachvollziehbar, manches bleibt bis zum Schluss im Dunkeln: Wer den priviligierten Gutsbesitzersohn oder das behinderte Kind der Hebamme misshandelt hat, wer den Fallstrick für den Arzt (der sich regelmäßig an seiner Tochter vergreift) angebracht und rechtzeitig vor Eintreffen der Polizei wieder entfernt hat, wer dem Baron die Scheune in Brand setzt ...

      Niemand ist sicher, nicht die scheinbar so mächtigen Erwachsenen in guten Positionen, und Frauen wie Kinder schon gar nicht. Und schon ein Jahr später bricht mit dem 1. Weltkrieg eine Katastrophe über diese Menschen herein, die die im Film erlebten Katastrophen als klein erscheinen lässt, und dieser Katastrophe folgt eine Generation später eine weitere, noch schlimmere. Aber das zeigt der Film nicht mehr, das wissen wir nur von unseren Eltern und Großeltern und aus den Geschichtsbüchern.
      Aber ist es nur Geschichte ?
      :reg:
      :wechsel:
      Entspanne dich. Lass das Steuer los. Trudle durch die Welt. Sie ist so schön.
      - Kurt Tucholsky -
      Original von Lefteri
      (der Lehrer würde normalerweise auch dahin gehören, ist hier aber neutraler Berichterstatter, zumal er vom Alter der Zwischengeneration zwischen Eltern und Kindern angehört)


      Ja, das kann gut stimmen, denn er ist es der es wagt dem Pfarrer gegenüber die Vermutung zu äußern das in allen Fällen die Täter die Kinder sein könnten und nennt auch eine Begründung.
      Der Pfarrer, wenn ich mich recht erninnere, ist auch derjenige, der ihm jedes weitere Wort verbietet (seine eigenen Kinder wären dann offiziell mit involviert) und mit dem Schulamt droht (was er jedoch nie umsetzte).

      Ansonsten scheint mir Deine Erklärung sehr plausibel zu sein, zumal ja auch noch die Szenen darin vorkommen, wo die Hebamme sagt sie wisse jetzt wer ihrem Kind das angetan hat und das Dorf ohne Rückkehr verlässt und eine Szene, wo eines der Mädchen einen Piepmatz des Hernn Vaters aufspießt.

      Aber ich schau jetzt dennoch mal, was der :googledetektiv: dazu hergibt :zwinker:
      :o_linie3:


      Jede Reise hat zwei Höhepunkte:
      den einen, wenn man hinausfährt,
      erlebnishungrig und voller Erwartung -
      und den anderen, wenn man heimkehrt, gesättigt von den Eindrücken
      und in Vorfreude auf das eigene Zuhause.

      (Heinrich Spoerl, Auszug aus "Die Hochzeitsreise)
      Original von Schnuppi
      Der Pfarrer, wenn ich mich recht erninnere, ist auch derjenige, der ihm jedes weitere Wort verbietet (seine eigenen Kinder wären dann offiziell mit involviert) und mit dem Schulamt droht (was er jedoch nie umsetzte).

      Das, was sich die Erwachsenen nicht erklären können, hat einfach nicht stattgefunden; wer sich an diesen Schweigepakt nicht hält, hat mit üblen Konsequenzen zu rechnen. Schweigt er, lässt man ihn in Ruhe, schon um keine schlafenden Hunde zu wecken. Davon profitiert der Lehrer - ob der Hebamme, die in die Stadt gefahren war, um das Ganze aufzudecken, einfach nicht geglaubt wurde oder ob sie dann doch geschwiegen hat, bleibt offen.

      Original von Schnuppi
      Aber ich schau jetzt dennoch mal, was der :googledetektiv: dazu hergibt :zwinker:


      Da findet sich z.B. in br-online eine Parallele zum Hitlerfaschismus:
      "Das weiße Band" ist ein Abgesang auf eine Gesellschaft, die auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs verschwand und eine Generation, die unter Hitler als Schergen aufstieg. Auch wenn der Regisseur keine spezifische Beziehung zwischen seinem Film und dem Faschismus ziehen möchte und auf Allgemeingültigkeit pocht - die Saat des Bösen ging auf, der Untertanengeist fand seine Entsprechung in der Nazi-Diktatur.


      Besonders plastisch werden am Erziehungsstil des Pfarrers die Mechanismen der Schwarzen Pädagogik gezeigt, die auch ich - in abgeschwächter Form - in den 50er/60er Jahren noch "geniessen" durfte:

      Schwarze Pädagogik ist darum bemüht, dem Kind von den ersten Lebensmonaten an Informationen über die Welt und seine Umwelt zu vermitteln, die in der gleichen Form schon über Generationen hinweg vermittelt worden sind. Solche Interpretationen der Welt werden von den Kindern übernommen und internalisiert, obwohl sie zum großen Teil nachweislich falsch sind. So wird Kindern in der schwarzen Pädagogik klargemacht,

      * dass aus Pflichtgefühl Liebe wird
      * dass man den Hass mit Verboten aufheben kann
      * dass Eltern von vornherein, einfach weil sie Eltern sind, Achtung verdienen
      * dass Kindern eine solche Achtung von vornherein nicht entgegengebracht werden muss
      * dass Gehorsam stark macht
      * dass eine hohes Selbstwertgefühl schädlich ist
      * dass dagegen eine niedrige Selbsteinschätzung menschenfreundlich macht
      * dass Zärtlichkeiten verweichlichen und schädlich sind
      * dass es richtig ist, auf kindliche Bedürfnisse nicht einzugehen
      * dass Härte und emotionale Kälte ausgezeichnet aufs Leben vorbereiten
      * dass vorgespielte Dankbarkeit besser ist als ehrliche Undankbarkeit
      * dass das, was man tut, wichtiger ist, als das, was man ist
      * dass die Eltern und Gott keine Kränkungen aushalten können
      * dass der Körper etwas Schmutziges und Ekelhaftes darstellt
      * dass heftige Gefühle schaden
      * dass die Eltern rundum triebfrei und Wesen ohne jede Schuld sind
      * dass Eltern immer Recht haben
      :reg:
      :wechsel:
      Entspanne dich. Lass das Steuer los. Trudle durch die Welt. Sie ist so schön.
      - Kurt Tucholsky -
      Einen interessanten Kommentar habe ich auf der Autorenseite suite101.de gefunden:

      Dieser Film kommt ganz unzeitgemäß daher: Er ist in schwarz-weiß gedreht, ohne spektakuläre Effekte, ohne Hintergrundmusik. Und er erzählt eine hundert Jahre zurückliegende Geschichte. Trotzdem ist er den Problemen in gegenwärtigen Gesellschaften ganz nah. Wurde nicht vor kurzem ein Mann, der sich einmischte, von ein paar Jungen einfach totgeschlagen? Trotz der herrschenden Liberalität geschehen Verbrechen, wie der Film sie zeigt, heute auch noch. Das Dorf heißt bezeichnenderweise Eichwald, was an Eichmann und Buchenwald erinnert. Es geht um Gewalt, den Ursprung von Faschismus und jeder Form von Terrorismus.

      Schwarze Pädagogik führt zu Gewalt, die sich fortpflanzt
      Der Film zeigt, wie Gewalt entsteht, ausgeübt und weitergegeben wird. Aus den Opfern werden Täter, aus deren Opfern neue Täter. Es ist das Thema von Katharina Rutschkys Buch „Schwarze Pädagogik“ von 1977. Die frühere Psychoanalytikerin Alice Miller hat das Problem in „Am Anfang war Erziehung“ durch Fallstudien veranschaulicht. Darin werden die Auswirkungen von Erziehungsfehlern am Beispiel von Adolf Hitler und Jürgen Bartsch illustriert. Diese Erziehungsmethode basiert auf Einschüchterung und Gewaltanwendung. Sie gibt vor, der Moral zu dienen, in Wirklichkeit instrumentalisiert sie die Jugend, um eine repressive Familien- und Gesellschaftsstruktur aufrecht zu erhalten. Das Zufügen von körperlichem und seelischem Schmerz, totalitäre Überwachung, Negierung grundlegender Bedürfnisse sind Merkmale solcher Praktiken. Sie wurden in großem Stil noch in den 1960er Jahren in Erziehungsheimen angewandt. Oft identifiziert sich das kindliche Opfer aus Selbstschutz mit dem Täter und gibt das Erlittene weiter.

      Opfer werden zu Tätern
      Deshalb gibt es in diesem Film nicht die bösen Erwachsenen und die guten, unschuldigen Kinder. Auch die Kinder sind hier böse, verstockt, verlogen, brutal. Ihr Schweigen, ihre verschlossenen Gesichter drücken das aus. Demütigung und Misshandlung pflanzen sich fort und Heilung ist nicht in Sicht. Düster ist es in den Häusern nicht nur, weil es noch kein elektrisches Licht gibt, sondern weil der Umgang der Menschen miteinander zutiefst gestört ist.

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      :reg:
      :wechsel:
      Entspanne dich. Lass das Steuer los. Trudle durch die Welt. Sie ist so schön.
      - Kurt Tucholsky -